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Große Dämme erfüllen ihren Zweck nur selten
Die "Weltkommission für Staudämme" hat zwei Jahre lang Talsperren bewertet. Der Abschlussbericht lässt am Sinn derartiger Projekte zweifeln

by Tom Levine, Berliner Zeitung - 13 December 2000

Große Dämme erfüllen ihren Zweck nur selten

Die "Weltkommission für Staudämme" hat zwei Jahre lang Talsperren bewertet. Der Abschlussbericht lässt am Sinn derartiger Projekte zweifeln

Ihr Name klingt obskur, doch ihre Arbeit verspricht eine entwicklungspolitische Weichenstellung mit weit reichenden Folgen: die "Weltkommission für Staudämme" (WCD) hat kürzlich in London ihren Abschlussbericht vorgelegt. Zwei Jahre lang hatte die Kommission nur große Staudämme bewertet; die Ergebnisse lassen sich jedoch auf jedes Großprojekt übertragen, bei dem wirtschaftlicher Fortschritt sowie ökologische und soziale Folgen miteinander verglichen werden.

"Die Diskussion um Staudämme", sagt der aus Deutschland stammende WCD-Generalsekretär Achim Steiner, "ist immer auch eine Diskussion über Entwicklungspolitik als solche." Staudämme sind dafür Schlüsselunternehmungen. Die WCD, in der Vertreter von Industrie und Wissenschaft mit Menschenrechtlern und Ökologen zusammenarbeiten, hat nun einen Rahmen dafür erarbeitet, wie mit kontroversen Entwicklungsprojekten in Zukunft umgegangen werden sollte. Im Kern geht es darum, Staudammprojekte von einem Konsens aller Betroffenen abhängig zu machen. "Verhandlungen als Ansatz zur Entscheidungsfindung verbessern die Wirksamkeit von Wasser- und Energieprojekten beträchtlich", heißt es in dem 400-Seiten-Bericht. Die herkömmlichen Kosten-Nutzen-Analysen hält die Kommission für wenig hilfreich; aktuelle Beispiele für derartige Berechnungen sind die Vorhaben am Jangtse-Fluss in China ("Drei-Schluchten-Damm"), der Ilisu-Damm am Tigris in der Türkei und das Namada-Tal-Projekt in Indien.

Nach Ansicht der WCD hat die Mehrzahl der bisher gebauten 45 000 Großstaudämme die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt oder weitaus schädlichere Folgen gehabt als bei ihrer Planung vorhergesehen. Der Bericht lehnt freilich den Neubau von Dämmen nicht kategorisch ab. "Dämme werden auch in Zukunft noch eine Rolle spielen", sagt Steiner.

Einen kompletten Baustopp für große Talsperren wird es wohl nicht geben. Dafür ist der Druck auf die Wasser- und Energiewirtschaft viel zu hoch. In den nächsten 25 Jahren wird der globale Wasserverbrauch nach WCD-Prognosen um 15 bis 20 Prozent ansteigen, während das Frischwasser-Angebot der Natur eher sinkt. Überdies dürfte der Energiebedarf mit dem Bevölkerungswachstum weiter ansteigen. 19 Prozent der weltweit produzierten Energie werden heute durch Wasserkraft erzeugt, 12 bis 16 Prozent der globalen Lebensmittelerzeugung sind von der Bewässerung aus Staudammprojekten abhängig.

Die Bilanz, die die WCD anhand von acht detaillierten Fallstudien, zwei Länderstudien (zu Indien und China) sowie fast tausend einzelnen Stellungnahmen aufstellte, macht jedoch deutlich, dass ein Umdenken überfällig ist. Durch die 45 000 "großen" Dämme, deren Staumauer jeweils mehr als 15 Meter hoch ist, sind weltweit zwischen vierzig und achtzig Millionen Menschen vertrieben oder umgesiedelt worden. Deren Lebenssituation ist heute oft schlechter als vor Baubeginn. Die Schäden an der lokalen Umwelt sind zwar in vielen Fällen kaum erfassbar. Aber in wärmeren Klimazonen scheinen Talsperren einen überraschend hohen Beitrag zur Emission von Treibhausgasen zu leisten - im Falle Brasilien vergleichbar dem eines herkömmlichen Kraftwerks gleicher Leistung. Der Grund: Die unter Wasser gesetzte Vegetation verrottet und setzt die Treibhausgase Methan und Kohlendioxid frei. Darüber hinaus stimmt in vielen Fällen auch die ökonomische Bilanz nicht. "Großstaudämme für Bewässerungszwecke erfüllen ihre Ziele nur selten, decken ihre Kosten nicht und sind wirtschaftlich weniger vorteilhaft als erwartet", heißt es etwa. Die Energieerzeugung mit aufgestautem Wasser sei zwar finanziell attraktiv; in vielen Fällen aber sei der erwartete wirtschaftliche Erfolg ausgeblieben, weil im Planungsverfahren keine effiziente Verteilung des erzeugten Stroms vorgesehen war. Initiatoren und Geldgeber sind nun dazu aufgerufen, nur noch solchen Projekten zuzustimmen, mit denen am Ende alle Beteiligten einverstanden sind.

Die Weltbank, die in den siebziger und achtziger Jahren das Gros der Staudamm-Bauten unterstützte, und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) haben bereits begonnen, die Vorschläge zu prüfen. Eine Diskussionsveranstaltung des BMZ dazu ist im Januar in Berlin geplant. Die Prüfung dürfte auch Auswirkungen auf die Wirtschaft hier zu Lande haben: Deutsche Unternehmen zählen zu den weltweit führenden Firmen im Damm- und Turbinenbau.

Der komplette Bericht der WCD: http://www.damsreport.org

Der Damm am Gelben Fluss soll nächstes Jahr fertig werden und gut 4 Milliarden Dollar kosten.

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